Franz Ferdinand und Sophie - die ersten Opfer des Ersten Weltkrieges?
Welthistorische Ereignisse betreffen immer Menschen. Sie treten in unterschiedlichsten Funktionen auf. Zum Beispiel als Täter oder Opfer. Schauen wir uns die Geschichte von Franz Ferdinand und Sophie etwas näher an.
Urlaub in der wunderschönen Wachau. Ein Gasthaus in Artstetten-Pöbring, Bezirk Melk in Niederösterreich. Bis Wien sind es etwa 100 Kilometer. Es sind aber nur wenige Schritte von der Urlaubsunterkunft zum Schloss, im Komplex mit der Schloss- und Pfarrkirche "St. Jakobus der Ältere". Ein schöner Park mit prächtigen Bäumen steht unter Denkmalschutz. Unterhalb der Kirche befinden sich die Gruft der Schlosseigentümer und die Gruft der Familie Hohenberg.


links im Bild der Weg zur Gruft, rechts der Eingang zum Museum
Wer hier als Urlauber oder Wanderer eher zufällig hingelangt, kann im Museum auf eine emotionale Weise die Geschichte der Familie Hohenberg erleben. Dabei erfährt er auch die schicksalhafte Verbindung der Familie zum Ersten Weltkrieg.

An der Museumskasse kann der Besucher den Schlüssel zur Gruft erhalten. Im ältesten Teil der Gruft befinden sich die zwei Marmorsarkophage mit den sterblichen Überresten der Begründer der Familie von Hohenberg, Franz Ferdinand und Sophie. Verbunden sind beide durch einen Sockel mit der Inschrift :(aus dem Lateinischen übersetzt) "Verbunden durch das Band der Ehe, vereint durch das gleiche Geschick".
Franz Ferdinand und Sophie lernen sich vermutlich zwischen 1894 und 1896 auf einem Ball in Prag kennen. Sie verlieben sich ineinander und wollen auch heiraten. Dazu bedurfte es der Zustimmung des Kaisers von Österreich-Ungarn, da es sich bei Franz Ferdinand um den Thronfolger handelt, der standesgemäß vermählt werden sollte.
Historisch bekannt ist er als Erzherzog Franz Ferdinand Carl Ludwig Joseph Maria von Österreich-Este. Dem Adelshaus Habsburg-Lothringen entstammend, übernimmt er 1803 Erbe und Namen einer erloschenen Nebenlinie des Adelsgeschlechtes Este.

Franz Ferdinand um 1896
Sophie wächst als Sophie Maria Josephine Albina Gräfin Chotek von Chotkowa und Wognin, einer alten böhmischen Adelsfamilie angehörig, auf. Das Habsburger Familienstatut spricht gegen die Ehe mit dem Thronfolger.

Sophie 1868
Franz Ferdinand kann den Kaiser und Onkel Franz Joseph u.a. mit dem Hinweis auf "frisches Blut" in die Familie zu bringen, von der Ehe mit der Gräfin Sophie überzeugen. 1900 wird geheiratet und ab 1909 darf sie den Titel der Herzogin von Hohenberg tragen. Der Name entstammt einem ausgestorbenen schwäbischen Adelsgeschlecht.

um 1914
Franz Ferdinand bleibt Thronfolger und macht im Militär Karriere. Das Ehepaar lebt in Wien, im Sommer aber viel im Schloss Artstetten. Da sie niemals gemeinsam in der Familiengruft der Habsburger beerdigt werden würden, lässt Franz Ferdinand eine Familiengruft in Artstetten errichten. Das Schicksal, im konkreten Fall die weltpolitische Lage, will es so, dass beide bereits 1914 im Tode vereint sind.
Am 28. Juni 1914 starben beide in Sarajevo unter den Pistolenkugeln eines bosnisch-serbischen Attentäters. Warum dort? Der Erzherzog weilte als Generalinspekteur der österreichisch-ungarischen Streitkräfte im Rahmen der Kontrolle von Militärübungen in Sarajevo. Selten durfte ihn seine Ehefrau bei offiziellen Anlässen begleiten. So wollte es die Habsburger Etikette, dass im Rahmen offizieller Staatsakte bei Anwesenheit des Kaisers Franz Ferdinand hinter ihm schritt, während die Herzogin Sophie aber erst sehr weit hinten in der Reihe folgen durfte. In Sarajevo weilte er aber nicht als Thronfolger, sondern in militärischer Mission. Dies wurde Sophie zum Verhängnis.

Denkmal , das sich bis Ende 1918 an der Lateinerbrücke in Sarajevo befand
Historisch bekannt ist, dass die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers als Vorwand genutzt wurde, um einen Krieg gegen Serbien anzuzetteln. Davor hatte Franz Ferdinand immer gewarnt. Er war gegen ein ungerechtfertigtes militärisches Vorgehen gegen Serbien, welches ein Eingreifen Russlands zur Folge haben würde. Auch diese Auseinandersetzung wollte er nicht. Mit Recht befürchtete er auch den Ausbruch von revolutionären Aufständen. Die Geschichte sollte ihm Recht geben.
Sind er und seine Frau die ersten Opfer des Ersten Weltkrieges? Einige Gedenktafeln wollten es der Nachwelt so überliefern.

Gedenktafel in der Kaisergruft/Wien (Foto Georges Jansoone)

Kriegerdenkmal in der Gemeinde Artstetten
Nach dem Attentat von Sarajevo hatten die Großmächte noch genügend Zeit, um mit Mitteln der Diplomatie einen Konflikt zu beenden, der drohte zum Flächenbrand zu werden. Die Gegner des Krieges, zu denen in Österreich auch Herzog Franz Ferdinand zählte, wurden nicht erhört. Die imperiale Rivalität der Großmächte, insbesondere im Kampf um Rohstoffe, Absatzmärkte, Handelswege, strategische Häfen usw., führte zum Ersten Weltkrieg, der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan), mit über 17 Millionen Toten.
Franz Ferdinand und Sophie sind nicht die ersten Opfer des Krieges. Sie zu Märtyrern dieses Krieges zu machen, ist historisch falsch. Sie sind Opfer nationalistischen Handelns jener Zeit. Nationalistisches Gedankengut, gepaart mit falschem Patriotismus, führte 1914 auch in Deutschland zu einer anfänglichen Kriegsbegeisterung.
Das Kriegsende 1918, in der Folge der Zerfall von Großreichen, revolutionäre Erhebungen sowie der Versailler Diktatfrieden werden zu Keimzellen eines noch furchtbareren Krieges mit über 65 Millionen Toten. Es war der zweite globale Krieg aller Großmächte innerhalb des 20. Jahrhunderts. Die Hauptschuld trug Nazideutschland. Es verfolgte dabei eine aggressive Expansionspolitik, die auf Eroberung, Vernichtung und rassistischer Ideologie beruhte und die Ergebnisse des ersten Weltkrieges revidieren wollte.
Opfer deutscher Aggression werden auch die Söhne von Franz Ferdinand und Sophie, weil sie sich 1938 für die Selbständigkeit Österreichs und gegen den Anschluss an Deutschland aussprechen.

um 1908, links im Bild Ernst/rechts Maximilian
Beide werden in das KZ Dachau deportiert. Maximilian kommt erst 1943 frei. Artstetten wird für ihn zum Zwangsaufenthaltsort. Dort ist er nach der Befreiung 1945 mit Zustimmung der sowjetischen Besatzungsmacht bis etwa 1955 Bürgermeister. 1962 stirbt er an den den Spätfolgen der im KZ erlittenen Misshandlungen.

neue Gruft Artstetten/ Foto GuentherZ
Im neuen Teil der Gruft in Artstetten befinden sich die Marmorsarkophage von Maximilian von Hohenberg und Gattin, daneben jene von Ernst von Hohenberg (gest. 1954) und Gattin. Nachfahren der Hohenbergs leben noch heute im Schloss und erzählen den Museumsbesuchern nicht nur die Familiengeschichte. Sie können auch über Aufstieg und Niedergang des europäischen Adels Zeugnis ablegen.
Über viele Jahrhunderte prägten große Adelsfamilien die europäische Geschichte. Sie standen an der Spitze großer Reiche oder waren Stütze und Nutznießer des feudalen Systems. Was mit der Französischen Revolution von 1789 begann, vollzog sich endgültig 1918. Die für den Weltkrieg politisch Verantwortlichen verloren, bis auf wenige Ausnahmen, Macht und Privilegien.
Ein spannender und lehrreicher Besuch bei Franz Ferdinand und Sophie in Artstetten endet. Die Reise des Adels geht weiter. Nur in einer neuen Funktion. Die u.a. darin bestehen kann, kulturelles Erbe zu erhalten und die Erfahrungen ihres historisch gewachsenen großen europäischen Netzwerkes in die Mitgestaltung eines Europas gleichberechtigter Nationen einzubringen.
Bearbeitungsstand Oktober 2025
