8. Mai als Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus
Historischer Hintergrund
Am 7. Mai 1945 unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl als Vertreter des Oberkommandos der Wehrmacht im Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Europa in Reims die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Sie soll am 8. Mai 23.01 Uhr MEZ in Kraft treten. Der Zweite Weltkrieg ist damit noch nicht beendet. Auf dem europäischen Kontinent sollen aber die Kampfhandlungen eingestellt werden. In den angelsächsischen Ländern wird deshalb der 8. Mai seit 1945 als "VE -Day“ (Tag des Sieges in Europa) gewürdigt.
Die Führung der am 7. Oktober 1949 gegründeten DDR erklärt den 8. Mai zum Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Er ist erst in der SBZ und dann in der DDR ein jährlich wiederkehrender Gedenktag, in den Jahren von 1950 bis 1967 arbeitsfreier Feiertag. Dies ist er nochmals am 9. Mai 1975 und am 8. Mai 1985, anlässlich des 30. bzw. 40. Jahrestages des Kriegsendes in Europa.
Opfer und Gedenken
Der Zweite Weltkrieg endet mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945. Geschätzte 65 Millionen Menschenleben sind zu betrauern. Unter ihnen sind geschätzte 13 Millionen sowjetischer Soldaten und 14 Millionen Bürger der UdSSR.
Nicht zufällig lassen sich im Osten Deutschlands und insbesondere in Berlin zahlreiche sowjetische Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten finden. Ohne Rücksicht auf die Gefährdung eigener Truppen und die der deutschen Zivilbevölkerung verfolgte Stalin 1945 das Ziel der Einnahme Berlins vor dem Eintreffen der westlichen Verbündeten. Die Sowjetunion und er selbst wollten als die Befreier Europas in das historische Weltbewusstsein treten und auch die Nachkriegsordnung entscheidend mitgestalten.

Zur Zeit der DDR Gedenkstätte Seelower Höhen, heute Kulturdenkmal des Landes Brandenburg (Foto: Xburger36).
Vom 16. bis 19. April 1945 tobte um die Seelower Höhen eine der blutigsten Schlachten auf deutschem Boden. Mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht, die geschätzte 13.000 Tote zu beklagen hat, bricht die deutsche Ostfront zusammen. Die Sowjetarmee verliert über 33.000 Angehörige.

Detailbild des Monumentaldenkmals mit der Bronzeplastik von Lew Kerbel (Foto: Dryhand58)
Denkmäler, u.a. im Auftrag von Marschall Shukow geschaffen, sollen den "ruhmvollen Weg" der Sowjetarmee aufzeigen.

"Ruhm und Ehre..." steht auf der Stele des Sowjetischen Soldatenfriedhofes (Foto: Marcus Cyron) in Letschin an der Oder
Auf Berliner Stadtgebiet entstanden nach Kriegsende vier sowjetische Ehrenmale, die an die etwa 80.000 sowjetischen Soldaten erinnern, die bei der Eroberung der deutschen Hauptstadt starben.

Sowjetisches Ehrenmal in der Schönholzer Heide (Foto: Grün Berlin). Erbaut 1947-1949. Grabstätte für 13.000 Rotarmisten.

Sowjetisches Ehrenmal im Berliner Tiergarten (Foto: Grün Berlin). Erbaut November 1945. Grabstätte für 2.000 Rotarmisten.

Sowjetisches Ehrenmal am Schlosspark Buch (Foto: Olaf Tausch). Erbaut 1947-1948. Die hier beerdigten Sowjetsoldaten wurden nach Schönholz umgebettet. Die Inschrift auf der Frontseite der Pyramide lautet in deutscher Übersetzung: Ewiger Ruhm den gefallenen Helden in den Kämpfen für die Befreiung der Menschheit vom Joch des Faschismus.

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park (Foto: Grün Berlin). Erbaut 1946-1949. Grabstätte für 7.000 Rotarmisten.
Ungeachtet großer Wohnungsnot in Berlin und Materialknappheit hatte die Errichtung des monumentalen Ehrenmales im Treptower Park für die sowjetische Besatzungsmacht höchste Priorität. Auch mit Blick auf den einsetzenden Kalten Krieg sollte es Zeugnis ablegen für "Größe und unüberwindliche Kraft der Sowjetmacht". Es war gedacht als Zeichen des Sieges und würdige Ruhestätte der Gefallenen. Für die Führung der DDR war die am 8. Mai 1949 eingeweihte Anlage auch ein Symbol des Dankes gegenüber der Sowjetarmee als Befreier.
In den folgenden Jahrzehnten waren Treptow und andere Ehrenmale Schauplatz staatlich organisierter Massenaufmärsche, mit denen die SED insbesondere die junge Generation auf Werte und Überlegenheit des Sozialismus einschwor. Beispielhaft sei nur der Fackelmarsch der FDJ am 8. Mai 1985 zum Ehrenmal genannt. Er endete mit dem sogenannten Schwur der Jugend der DDR. Einem Totengedenken war dies unwürdig.
Nach der deutschen Wiedervereinigung ist das Ehrenmal am 31. August 1994 Schauplatz eines militärischen Zeremoniells, welches sowjetische und deutsche Soldaten im Totengedenken vereint. Der Deutsche Bundeskanzler Kohl und der russische Präsident Jelzin legen nach kurzen Ansprachen Kränze nieder. Die letzten Sowjetsoldaten verlassen Deutschland.
Seit 1995 organisiert der Bund der Antifaschisten Treptow jährlich am 9. Mai, Tag des Sieges in Russland, Gedenkveranstaltungen unter dem Motto "Tag der Befreiung" mit Blumen- und Kranzniederlegungen am Ehrenmal.
Das Erinnern an die Gefallenen, auch an die zivilen Opfer des Krieges, und die Gedenkstätten müssen bleiben. Sie dürfen aber nicht missbraucht werden, die Herrschaft diktatorischer Systeme zu legitimieren. Dort, wo die sowjetischen Ehrenmale auch Kriegsgräberstätten sind, ist die Bundesrepublik Deutschland durch einen Vertrag mit der Russischen Föderation von 1992 für Unterhalt und Pflege zuständig.
Auch Gräber gefallener Briten, Amerikaner oder Franzosen wurden gepflegt. Für diese Opfer gab es in der DDR aber keine offiziellen Ehrenmale oder Gedenkstätten. Eine Ausnahme bildete das Denkmal der Begegnung, welches an das Aufeinandertreffen sowjetischer und amerikanischer Truppen am 25. April an der zerstörten Elbebrücke in Torgau erinnert. Es ist das einzige Denkmal des sowjetisch-amerikanischen Bündnisses. Die Einweihung im September 1945 fand ohne amerikanische Beteiligung statt. Der kalte Krieg hatte das Bündnis zerstört.


Das DDR Regime setzt 1976 mit einer steinernen Stelenwand in unmittelbarer Nähe des Denkmals der Begegnungen ein politisches Zeichen gegen das historische Waffenbündnis. Die Inschriften sagen alles.

Foto Helmut Caspar
Der Gründungsmythos der DDR
Gedenktage, auch in Form staatlicher Feiertage, sind wichtige Bestandteile einer Erinnerungskultur. Dabei geht es auch um die Frage, an welche Ereignisse oder auch Persönlichkeiten erinnert werden soll. In demokratischen Gesellschaften kann darüber öffentlich diskutiert und abgestimmt werden. Im autoritären System der DDR zwischen 1949 und 1990 entschied darüber die Partei- und Staatsführung in ganz enger Anlehnung an das Verhalten der sowjetischen Seite.
Auch das Erinnern im Rahmen des 8. oder auch 9. Mai war stark durch die dominante Stellung der Sowjetunion in der DDR als sogenannter "Großer Bruder" und die ideologische Auseinandersetzung mit der westlichen Welt zu Zeiten des Kalten Krieges geprägt. Systematisch entwickelte die Führung der SED den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR weiter.
Laut marxistisch-leninistischer Geschichtsschreibung der DDR verlief deren Geschichte gesetzmäßig vom Bauernkrieg bis hin zu ihrer Entwicklung als sozialistischer Staat. Dabei waren antifaschistischer Widerstandskampf der Arbeiterklasse unter Führung der Kommunisten und die Befreiung Deutschlands vom Faschismus durch die Sowjetunion Teile einer historischen Linie und Ideologie.
Der Antifaschismus wurde zur Staatsdoktrin. Darin eingebettet, definierte die kommunistische Faschismusdoktrin den deutschen Nationalsozialismus als Herrschaftsinstrument des Monopolkapitalismus, dessen Ziel die Unterdrückung der revolutionären Arbeiterbewegung gewesen sei. Somit konnte die SED die Kommunisten zum Hauptgegner und Hauptopfer des Faschismus erklären.
Mit der Enteignung der Kapitalisten in der DDR sei in dieser auch der deutsche Faschismus und Militarismus ausgerottet. Mit der Schuldzuweisung an die Monopolkapitalisten war es auch möglich, der Bevölkerung eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über Täterschaft und Mittäterschaft, Schuld und Verantwortung zu ersparen. Die Wiederkehr des Faschismus drohte nunmehr nur noch durch die kapitalistische Bundesrepublik.
Fein säuberlich wurde sprachlich zwischen dem an sich guten „deutschen Volk“ auf der einen und den bösen „Faschisten“ und “Kapitalisten” auf der anderen Seite unterschieden. Der kommunistische Antifaschismus ermöglichte es dem deutschen Bedürfnis nach Entlastung, einen "dicken roten Schlussstrich" unter die Vergangenheit zu ziehen. Hierdurch ersparte sie ihrer Bevölkerung u.a. auch Rückerstattung, Entschädigung und Wiedergutmachung für die jüdischen Opfer.
Befreiung, Befreier und Helden?
Der antifaschistischen Staatsideologie folgend, war der 8. Mai für die Partei- und Staatsführung der DDR der Tag der Befreiung und die Sowjetsoldaten waren die Befreier. Egal, ob es ein staatlich verordneter arbeitsfreier Tag oder nur ein Gedenktag war. Gedenkveranstaltungen waren immer auch mit dem Dank an die Befreier verbunden. Und am 9. Mai erhielten die "sowjetischen Genossen" Glückwünsche zum Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus.
In der Bundesrepublik Deutschland war der 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges Anlass für eine Gedenkstunde am 8. Mai 1985 im Bundestag in Bonn. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hielt eine viel beachtete Rede, in der er u.a. hervorhob, dass der 8. Mai 1945 für die Deutschen ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ gewesen sei.

Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA 3.0
Bereits am 21. April hatte Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner vom Fernsehen live übertragenen Rede zum 40. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen gesagt: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung.“

Heinz Galinski, Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker bei der Gedenkstunde auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen am 21. April 1985 anlässlich des 40. Jahrestags der Befreiung der Lagerinsassen durch britische Truppen. (Helmut Kohl Stiftung)
Obwohl von Weizsäcker in seiner Rede auch wiederholt den Begriff der Niederlage hervorhob, wurde ihm auch Jahre später u.a. vorgehalten, dass die einseitige Hervorhebung eines Tages der Befreiung die Fiktion eines antifaschistischen Deutschlands, welches von den Alliierten befreit worden sei, erschaffen habe.
Auch aus diesem Grund vermieden die westlichen Alliierten den Begriff der Befreiung. Nur bezüglich der Konzentrationslager wollten sie Befreier sein. Ansonsten traten sie als Sieger und Besatzer auf und forderten von den Deutschen, Verantwortung für die Herrschaft des Nationalsozialismus zu übernehmen. Auch sie waren , wie die Sowjetsoldaten im besonderen Ausmaße, an Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen, Plünderungen und anderen Übergriffen, darunter Erschießungen, beteiligt. Diese Wunden verheilten langsam. Auch das Leid im Zusammenhang mit der Zerstörung deutscher Städte durch alliierte Bomber blieb in der Erinnerung. Seit 1955 sind sie nicht mehr Besatzungsmacht sondern im Rahmen der NATO Verbündete und Partner der neu geschaffenen Bundeswehr.
Belastet ist die Diskussion um den Begriff der Befreiung auch heute noch durch die Tatsache, dass die sowjetischen "Befreier" im Osten Europas als Besatzer blieben und diktatorische kommunistische Systeme, die bis 1989 Bestand hatten, militärisch absicherten. Versuche, sich von der Vorherrschaft der Sowjetunion zu befreien oder auch nur Kurskorrekturen vorzunehmen, schlugen sie brutal nieder.
Die sogenannten Rotarmisten, darunter etwa nur die Hälfte Russen, waren keine Helden. Auch sie waren Opfer des Krieges. Für Stalin und das Sowjetsystem waren sie nützliche Menschenmassen, die gnadenlos nach vorne getrieben wurden. Ein Rückzug ohne Befehl galt als Feigheit und Verrat. Hinter den eigenen Linien sorgten Spezialeinheiten dafür, dass kein Soldat zurückwich. Insbesondere in den ersten drei Kriegsjahren waren die Verluste unter ihnen sehr hoch, weil sie schlecht ausgerüstet und ausgebildet zu Frontalangriffen gezwungen worden waren. Diese Vorgehensweise, bereits seit dem Ersten Weltkrieg als "Fleischwolf" bekannt, findet heute wieder Anwendung durch die Russische Armee unter Putins Oberbefehl.
Ausblick
Der Begriff der Befreiung bleibt umstritten im Spannungsfeld zwischen wirklicher Befreiung, Niederlage oder Neuanfang. Im Rahmen der deutschen Erinnerungspolitik eines wieder vereinten Deutschlands , geprägt durch die unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklung zweier deutscher Staaten nach 1945, stellen sich immer wieder auch die Fragen nach Schuld, Verantwortung und eigener Identität.
Die Opfer bleiben als Mahnung, nicht nur am 8. Mai, alles zu tun, einen weiteren Weltenbrand zu verhindern.
Bearbeitungsstand Dezember 2025
