Tag des Sieges der Völker der UdSSR über den Hitlerfaschismus am 9. Mai 1945
Historischer Hintergrund
Die Gemeinsamkeit mit dem in der DDR am 8. Mai begangenen Tag der Befreiung besteht darin, dass sich beide Gedenktage auf die Kapitulation Hitlerdeutschlands 1945 beziehen. Auch fanden jeweils an beiden Tagen Gedenkveranstaltungen statt. Es bestanden aber und bestehen auch heute noch historisch und ideologisch begründete Unterschiede.
Der Kapitulationserklärung der deutschen Wehrmacht vom 7. Mai 1945 im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Europa in Reims folgte in der Nacht vom 8. zum 9. Mai eine weitere. Auf Drängen von Stalin, der den Text der ersten Urkunde nicht autorisierte, kam es zu einer umfassenderen Kapitulationsurkunde. Die Kapitulation wurde nunmehr in Berlin Karlshorst durch Vertreter der drei Teilstreitkräfte der Wehrmacht, auch wie gewünscht gegenüber dem Oberkommando der Roten Armee, erklärt. Die Forschung geht davon aus, dass sich damit Stalin als der eigentliche Sieger, der Berlin erobert hatte, positionieren wollte.
Zunehmend zeigten sich auch Risse in der Antihitlerkoalition. Der Kalte Krieg zwischen den zwei gegensätzlichen politischen Systemen hatte schon begonnen. Auch deshalb war Stalin in Sorge, dass sich die westlichen Alliierten doch noch, nun mit einem Deutschland ohne Hitler, gegen die Sowjetunion verbünden würden. Entsprechende Angebote hatte es von deutscher Seite gegeben.
Befreiung und Sieg
Wie bereits im Kalenderblatt zum 8. Mai beschrieben, gehörte zum Gründungsmythos der DDR die Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus durch die "ruhmreiche Rote Armee". Die westlichen Alliierten dagegen lehnten den Befreiungsbegriff ab. Sie verlangten als Sieger vom deutschen Volk, sich der Mitverantwortung für Krieg und nationalsozialistische Gewaltherrschaft zu stellen.
Die autoritäre Sowjetunion, von einer kommunistischen Partei mit Stalin an der Spitze geführt, definierte sich aus ganz anderen Gründen als Sieger. Wie auch der Vasallenstaat DDR nach 1949, hatte sie seit ihrer Gründung 1922 ständig das Bestreben, die "historisch begründete Überlegenheit des Sozialismus/Kommunismus im Kampf gegen Kapitalismus und Faschismus" unter Beweis zu stellen. Dabei hatten Geschichtsschreibung und Propaganda die Aufgabe, den Einparteienstaat zu legitimieren. Gedenk- und Feiertage zur Erinnerung an historisch bedeutsame Ereignisse und Persönlichkeiten wurden dieser Aufgabe untergeordnet. Bis zum Sieg über Hitlerdeutschland prägten der 1. Mai und der 7. November die Erinnerungskultur der UdSSR. Bestandteile waren auch die Verehrung des Gründungsvaters Lenin und der Kult um den starken Führer Stalin.
Nunmehr stand nach 1945 die historische Einordnung des 9. Mai als Tag des Sieges noch aus.
Vereint in Kampf und Sieg?
Das Ringen um die Deutungshoheit des Sieges war nach 1945 stark vom offenen Ausbruch des Kalten Krieges in Europa geprägt. Die politischen Führer von DDR und UdSSR erklärten die Sowjetunion zum eigentlichen Sieger über den Hitlerfaschismus. Damit habe "die revolutionäre Arbeiterbewegung die reaktionärsten Kräfte des Monopolkapitalismus besiegt". Wiederholte Behauptung: Die westlichen Alliierten hätten sich sehr spät zum Handeln entschlossen und seien auch nur als Hilfskräfte zu bezeichnen.
Die historischen Fakten sagen etwas anderes. Die USA konnten aufgrund von gesetzgeberischen Neutralitätsverpflichtungen nicht bereits 1939 gegen Hitlerdeutschland aktiv in den Krieg eingreifen. Sie unterstützten aber die deutschen Kriegsgegner materiell, seit März 1941 auf der Grundlage des sogenannten Lend-Lease- Act (Leih- und Pachtgesetz). Sie waren 1939 auch noch nicht darauf vorbereitet, mit einer größeren Streitmacht auf europäischem Territorium in den Krieg einzugreifen.
Infolge des japanischen Überfalls auf Pearl Harbor befanden sich die USA ab dem Dezember 1941 auch im Krieg gegen Japan und dessen Verbündete Deutschland und Italien. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 lag da noch gar nicht solange zurück. Die Sowjetunion selbst war aber nicht einfach nur als Opfer zu betrachten. Unter Stalins Führung hatte sie zwischen September 1939 und August 1940 völkerrechtswidrig Ostpolen besetzt, Teile Finnlands und Rumäniens sowie die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen annektiert.
Obwohl weltanschaulich und in ihren Staatsformen gegensätzlicher Natur, traten die USA im Kampf gegen den Hitlerfaschismus in ein Zweckbündnis mit der Sowjetunion ein. Zu groß schien die Gefahr einer neuen, von den Achsenmächten dominierten Weltordnung, die auch den freien Welthandel und die Sicherheit der USA selbst bedrohte.
Streit um die Bedeutung der Hilfe der USA
Strittig ist unter Historikern, ob die Sowjetunion ohne oder nur durch die Unterstützung der USA mit Kriegstechnik, Ausrüstung, Treibstoffen und Lebensmitteln siegreich gewesen wäre. Die reinen Zahlen sind bei der Bewertung aber nicht entscheidend. Die amerikanische Hilfe von etwa 11 Mrd. Dollar (heutiger Wert ca. 150 Mrd.) umfasste zwar nur zehn Prozent der sowjetischen Kriegsproduktion. Sie kam aber zum richtigen Zeitpunkt, als deutsche Truppen vor Moskau standen und die Sowjetunion insbesondere 1941 auch große ökonomische Schwierigkeiten hatte.
Nicht die Masse der Lieferungen war entscheidend, sondern die notwendigen Maschinen und Ausrüstungen für die Ausweitung der Kriegsproduktion wie z.B. Rohstoffe. Der Sowjetunion fehlten auch Treibstoffe sowie Lebensmittel für Armee und Zivilbevölkerung. Insbesondere hatten größere Mengen an Transportmitteln aus den USA, Kanada und Großbritannien Anteil an den schnellen Offensiven der Roten Armee 1943/44. Dazu konnte der Bürger der DDR in seinen Geschichtsbüchern zwischen 1949 und 1989 kaum etwas finden.

Lend-Lease Memorial in Fairbanks, Alaska Foto: jkbrooks85
Der Tag des Sieges in Lenins Schatten

Lenin und Stalin 1922
Stalin war es in den Jahren nach Lenins Tod unter Einsatz des Geheimdienstes mit Terror und Manipulation gelungen, in der UdSSR nicht nur als der entscheidende Hüter des Leninschen Vermächtnisses zu gelten, sondern sich selbst als Quelle aller Erfolge auf dem Weg zum Sieg des Kommunismus darzustellen. Geschickt verstand er es, seine Entscheidungen und Handlungen im Sinne Lenins zu begründen. Schließlich galt Lenin immer noch als unantastbare moralische Autorität der Revolution und als genialer Theoretiker des Marxismus-Leninismus. Der Sieg der Völker der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland unter Führung der Kommunistischen Partei, mit Stalin an der Spitze, sollte deshalb auch als Bestätigung für die Richtigkeit des Leninismus dienen.
Politische und wirtschaftliche Entwicklungen in der UdSSR nach 1945, die wiederholt zu neuen historischen Bewertungen von Lenin und Stalin führten, hatten auch Auswirkungen auf den veränderten Umgang mit dem Tag des Sieges am 9. Mai.
Lenin-Partei-Stalin-Sieg (1945 bis 1953)
Stalin bleibt bis zu seinem Tod 1953 bei dieser Linie, tritt aber 1945 als "Vater des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg" aus Lenins Schatten. Am vierten Jahrestag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die UdSSR ordnet er am 22. Juni für den 24. Juni 1945 eine große Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau an. Sein Versuch, in Anlehnung an Traditionen der alten Zarenarmee, die Vertreter der siegreichen Truppen als genialer Militärführer auf einem Schimmel sitzend zu begrüßen, scheitert. Bei der Probe fällt er vom Pferd, ist leicht verletzt. Marschall Schukow darf diese Aufgabe übernehmen.

Rund 40.000 Soldaten waren an der Siegesparade am 24. Juni 1945 beteiligt. Bildrechte: imago stock&people
Nach dem Vorbeimarsch der Truppenteile und ausgewählter Militärtechnik, kommt es zum historischen Akt der Demütigung des Kriegsgegners. Der Ort ist bewusst gewählt. Vor dem Lenin Mausoleum werfen Vertreter der unterschiedlichsten Waffengattungen etwa 200 Truppenfahnen und Standarten von Wehrmacht und Waffen SS in den Staub. Darunter sind auch Fahnen, die nichts mit dem Krieg zu tun hatten, aber deutsch sind. Die Fahnen selbst werden nicht verbrannt, sondern nur die weißen Handschuhe der Beteiligten. Sie sind heute in Museen und Depots zu finden.


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Der 9. Mai selbst ist bis heute ein Tag der Erinnerung und des Gedenkens, wie er es auch in der DDR und in der UdSSR war. Eine besondere politische Bedeutung erfuhr er in sozialistischen Ländern immer dann, wenn er arbeitsfreier Staatsfeiertag war.
Mit Erlass vom 8. Mai wird er in der UdSSR erstmals am 9. Mai 1945 als "Tag der nationalen Feier (Siegesfeiertag)" begangen. Ein Beschluss vom 23.12.1947 degradiert ihn aber wieder zum Arbeitstag. Der Nationalfeiertag am 3. September anlässlich des Sieges über Japan ab 1945 wird durch eine Mitteilung vom 7. Mai 1947 wieder zum Arbeitstag.
Stalin lässt, verstärkt ab Dezember 1948, Kriegsversehrte in Heilanstalten, auf abgelegene Inseln, in Heime oder Klöster bringen. Offensichtlich stört ihr Anblick in der Öffentlichkeit das Bild von einem Sieg ohne große Opfer. Tatsächlich hatte Stalin Millionen Soldaten gnadenlos geopfert, um als Sieger in Berlin einzumarschieren. Kriegstraumata werden auch nicht als Krankheit anerkannt. Das Ideal des neuen kommunistischen Menschen sollte keine Schwäche zeigen. Feiertage des Sieges werden nunmehr auch klein gehalten, damit es nicht zu Diskussionen über menschliche Kosten und Fehler kommt.
Der Lenin Mythos verdrängt Stalin (1953-1964)

Mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 leitet der neue Generalsekretär Chruschtschow die Entstalinisierung ein. Stalindenkmäler werden entfernt, Stalingrad wir wieder Wolgograd. Personenkult, Terror und Willkür werden verurteilt. Stalin behält aber den Status als Kriegsheld. Briefe Lenins (seit 1926 im Ausland als Lenins Testament bekannt) werden erstmals in der Sowjetunion veröffentlicht. Darin hatte er sich gegen Stalin als seinen legitimen Nachfolger ausgesprochen.
Nunmehr steht wieder verstärkt Lenin als moralischer Maßstab gegen Personenkult im Mittelpunkt der Propaganda. Sozialismus und Kommunismus werden nicht weiter hinterfragt. Der Tag des Sieges bleibt ein stiller Gedenktag.
Der Lenin Mythos verblasst (1964 bis 1985)
Wirkliche Reformen finden nicht statt. Die Bevölkerung hat zwar soziale Sicherheit, aber keinen Wohlstand. Die Planwirtschaft erweist sich zunehmend als ineffizient. Der Lenin Mythos verblasst langsam. In der Propaganda wird Stalin teilweise rehabilitiert. Sein Terror wird damit relativiert, dass er ein effektiver Staatsführer gewesen sei, der das Land industrialisiert und 1945 den Sieg errungen habe.

Leonid Iljitsch Breschnew (1972)
Der neue Generalsekretär der KPdSU lässt den verblassenden Lenin Mythos durch den Siegmythos ersetzen. Der Sieg über Nazideutschland wird zum Kern der sowjetischen Identität und soll als heroischer Beweis für die Stärke, Einheit und moralische Überlegenheit des Sowjetsystems herhalten. Diesem Gedanken folgen auch die politischen Führer der DDR und der anderen Ostblockstaaten.
Nunmehr schien es Zeit zu sein, dass die Veteranen des Krieges das Land führten. Breschnew, der als hochrangiger Politoffizier unter Chruschtschow in der Roten Armee gedient hatte, sah sich somit legitimiert, Partei und Staat zu führen. In der DDR ließ sich Ulbricht durch seine Teilnahme am antifaschistischen Kampf an der Seite der Sowjetunion legitimieren und Honecker, der mit Breschnews Hilfe 1971 die Macht in der DDR übernahm, weil er in Hitlers Gefängnissen gesessen hatte.
Der 20. Jahrestag des Sieges bot Anlass für eine erneute Siegesparade am 9. Mai 1965 auf dem Roten Platz in Moskau. Der 9. Mai wird generell wieder arbeitsfreier Feiertag. Die Erinnerung an den Sieg sollte patriotische Gefühle fördern und die Bevölkerung hinter dem Staat einen. Bis in die 1970er Jahre hinein werden neue Denkmäler, Museen und Gedenkstätten errichtet. In Presse, Büchern, Bildern und Filmen verdrängen Heldengeschichten Opfer und Leiden. Hervorgehoben wird dabei die führende Rolle Stalins und die der KPdSU.
Kritische Darstellungen bleiben unerwünscht. Leid und Opfer anderer Nationen werden häufig ausgeblendet oder sowjetisiert. Eine große Ausnahme bildete seit Ende der 1960er Jahre die etwa zehnminütige Rundfunk- und Fernsehübertragung vom Grab des unbekannten Soldaten, jeweils am 9. Mai ab 18.50 Uhr Moskauer Zeit.

Foto: Hans-Jürgen Neubert
Der Ehrung des unbekannten Soldaten und der Würdigung der führende Rolle der KPdSU folgte auch die Danksagung an andere Nationen. "Im Namen des Sieges über den Faschismus haben die besten Söhne Jugoslawiens und Polens , der Tschechoslowakei und Bulgariens, Albaniens und Ungarns, Rumäniens ihr Leben nicht verschont. Ehren wir ihr Andenken! Gedenken wir der Soldaten Englands, Amerikas, Frankreichs und der Länder der Anti-Hitler-Koalition. Ehren wir das Andenken der Helden der Widerstandsbewegungen der mutigen Antifaschisten Europas."
Die Partei- und Staatsführung der DDR erklärt gleichfalls den 30. Jahrestag des Sieges der Völker der UdSSR über den Hitlerfaschismus am 9. Mai 1975 einmalig zum arbeitslosen Feiertag.
Glasnost: weniger Mythos - mehr Leid (1985 bis 1989)

Michail Gorbatschow (1986) RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0
Als Gorbatschow im März 1985 neuer Generalsekretär der KPdSU wird, sind die Vorbereitungen für die insgesamt dritte große Militärparade in Moskau, diesmal aus Anlass des 40. Jahrestages des Sieges, bereits abgeschlossen. Erstmals seit 1945 marschieren auch Veteranen an der Ehrentribüne vorbei. Traditionell würdigt er vorher auf der Festveranstaltung am 8. Mai die unsterblichen Heldentaten des Sowjetvolkes. Den Sieg über Hitlerdeutschland sieht auch er als Beweis für die Unbesiegbarkeit des Sozialismus.
Gedenkfeiern in den Ostblockstaaten heben besonders das Thema Befreiung hervor, beglückwünschen die Völker der Sowjetunion zum Sieg und betonen die Fortführung des richtigen Weges zum endgültigen Sieg des Sozialismus. Auch die Partei- und Staatsführung der DDR veranlasst und nutzt die unterschiedlichsten Formen der Erinnerung, Würdigung und Bewertung des 40. Jahrestages der Beendigung des Krieges in Europa im Sinne der sozialistischen Ideologie.
Das Beispiel einer Gedenkmünze soll dies verdeutlichen.

Die Silbermünze mit dem Ausgabewert von 10 Mark der DDR verbindet die zwei propagandistisch unterschiedlich verwendeten Begriffe der Befreiung am 8. Mai und des Sieges am 9. Mai. Die Abbildung in der Mitte, der Rotarmist vom Treptower Ehrenmal mit dem deutschen Kind auf dem Arm, soll den Übergang von militärischer Gewalt zu moralischer Legitimität symbolisieren.
Im Deutschen Bundestag verwendet der damalige Bundespräsident von Weizsäcker erstmalig den Begriff Befreiung für den 8. Mai. (siehe dazu: Kalenderblatt 8. Mai)
Gorbatschows Politik von Glasnost (Offenheit) führt ab 1986 u.a. zur Öffnung von Archiven und einer kritischen Aufarbeitung der Fehler und Verbrechen Stalins auch während des Zweiten Weltkrieges. Die unterschiedlichsten Mythen von Lenin über Stalin bis zum Sieg rücken in den politischen Hintergrund. Nunmehr darf wieder an Leiden und menschliche Verluste erinnert werden.
Emotionaler Patriotismus (1990er Jahre)
Die vierte große Militärparade nach 1945 anlässlich des 45. Jahrestages des Sieges am 9. Mai 1990 ist die letzte vor dem Zerfall des sogenannten Ostblocks und der UdSSR. Erstmalig steht kein Portrait Lenins im Zentrum der Demonstration. Es kommt zur Trennung von Lenin und Sieg. Dieser ist kein sozialistisches Ereignis mehr, sondern ein nationales. Durch die erneute Einbeziehung von Kriegsveteranen werden die Gedenkfeiern sehr emotional gehalten.
In den Jahren 1991 bis 1994 finden auch in Russland keine Paraden statt. Ab 1995 gibt es sie wieder jährlich zum 9. Mai, aber ohne das Zeigen von Militärtechnik.

Gedenkmedaille von 1995 zum 50-jährigen Jubiläum der Siegesparade von 1945
Der neue Siegeskult: auch Stalin darf teilnehmen (2000er Jahre)

Putin, seit 2000 Präsident Russlands
Bei seiner Amtseinführung als Präsident am 7. Mai 2000, also zwei Tage vor dem Tag des Sieges, erklärte Putin, dass es seine heilige Pflicht sei, das russische Volk zu vereinen und seine gemeinsame Geschichte zu ehren. Dann führt er eine der größten Feiern zum Tag des Sieges an, die Russland seit Jahren erlebt hatte. Er bezeichnet den Sieg als den endgültigen Beweis für Russlands Status als Großmacht.
Unter der Regentschaft von Putin als Ministerpräsident oder Präsident entwickelt sich der Siegeskult erneut als zentrales Element nationaler Identität und Legitimation. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg soll als Symbol für Stärke, Einheit und historische Größe Russlands stehen.
Der Sieg emanzipiert sich von Lenin. Sowjetsymbole sind weniger präsent und Stalin wird teilweise rehabilitiert. Seine Büsten tauchen wieder auf. In Ergebnissen von Umfragen wird er mit Ordnung, Stärke und dem großen Sieg verbunden. Sein Terrorregime tritt erneut in den Hintergrund. Er ist wieder Teil der angestrebten Legitimation von Staat, Militär sowie Großmachtanspruch durch den Sieg.
Militärische Symbole der Zarenzeit, die für Ruhm, Sieg und Stärke stehen sollen, werden massenhaft verbreitet und getragen.

Sankt-Georgs-Band: Symbol für den Tag des Sieges und russisches Nationalbewusstsein (hier als Georgsschleife) CC BY-SA 3.0
Auch die traditionellen Paraden am 9. Mai werden immer deutlicher zu staatlich inszenierten Machtdemonstrationen und der politischen Rechtfertigung. Ab 2008 wird wieder Waffentechnik präsentiert.

Leuchtschrift zum 9. Mai 2009 vor dem Weißen Haus, dem Regierungssitz in Moskau Foto: Bernd Brincken
2005 ist Schröder der erste deutsche Bundeskanzler, der auf der Ehrentribüne steht. 2010 ist es Kanzlerin Merkel, die auch den Vorbeimarsch von Truppen der ehemaligen westlichen Alliierten erlebt.

Soldaten eines US-amerikanischen Regiments Foto: Kremlin.ru

Foto: Kremlin.ru
Dem Gedenken am 9. Mai 2015 bleiben viele westliche Führer wegen der russischen Annexion der Krim 2014 fern. Dieser völkerrechtswidrige Akt bildet auch den Ausgangspunkt für die verstärkte propagandistische Nutzung des Tag des Sieges und des systematischen Ausbaus des Siegeskultes durch Putin. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg wird nunmehr mit der Beteiligung im Syrischen Bürgerkrieg und mit der sogenannten Spezialoperation gegen die Ukraine verknüpft. Gedenkfeiern und Reden am 9. Mai werden genutzt, einen erneuten gerechten Kampf gegen Nazis und Faschisten zu propagieren, der erneut siegreich enden würde.
Corona bedingt muss die Siegesfeier am 9. Mai 2020 ausfallen. Propagandistisch als besonders wichtig eingestuft, wird sie am 24. Juni nachgeholt. Im selben Jahr wird die "Verteidigung der Wahrheit über den Großen Vaterländischen Krieg" in die russische Verfassung aufgenommen. Was die Wahrheit ist, bestimmt jetzt umso mehr das Putin Regime.
Zum Tag des Sieges am 9. Mai 2021 schlug Wladimir Putin in seinen Reden offen aggressive und spaltende Töne an. „Es ist unser rechtmäßiger Festtag, denn wir sind die Blutsverwandten jener, die den Nazismus besiegt haben...Wir stammen von der Generation der Sieger ab...Russland verteidigt das Völkerrecht“.
"Wir können es wieder tun!"
Der offenen Konfrontation Putins mit dem Westen auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 folgt sehr bald die Militarisierung der russischen Gesellschaft. Eine verstärkte historische Verknüpfung von Militär, Gesellschaft und vergangenen Siegen kann ab etwa 2012 beobachtet werden.
In den Medien, auf Plakaten, Stickern oder in Interviews taucht zunehmend eine Botschaft auf, die ein unbekannter Sowjetsoldat 1945 am Reichstag hinterlassen haben soll: можем повторить (Mozhem povtorit/Wir können es wieder tun). Wer sich einen Sticker mit dieser Botschaft an sein Auto klebt, wird Teil eines siegreichen Volkes, eine Art „Kollektiv“, dem sowohl Veteranen als auch ihre Nachkommen angehören. Auch die Träger des St.-Georgs-Bandes bekennen sich zum siegreichen Volk – und plötzlich sind sie Teil von Stalingrad und der Schlacht von Kursk. Ein Autogramm an der Reichstagswand fühlt sich wie das eigene an, und der Sieg über den Nationalsozialismus wie der persönliche Erfolg.
Ein Soldat, der gerade die Hölle durchgemacht und Berlin eigenhändig erobert hatte, konnte mit Würde „Wir schaffen das wieder“ an die rußgeschwärzte Mauer des Reichstags schreiben . Sein Nachkomme, der einen solchen Aufkleber auf sein Auto klebt, gewinnt an Würde , indem er sich in die „Gemeinschaft“ des siegreichen Volkes einfügt.
Beobachter der heutigen russischen Gesellschaft stellen fest , dass das Gefühl, einer Großmacht anzugehören, für einen modernen Russen eine „symbolische Kompensation für das alltägliche Gefühl der ständigen Demütigung des kleinen Mannes“ sei.

Berlin, Reichstag. Ende April – Anfang Mai 1945Ullstein Bild / Getty Images
In Verbindung mit dem Mythos des Sieges vom 9. Mai 1945 wird diese Losung zunehmend zur Rechtfertigung eigener Aggressionen missbraucht. Aus dem Munde Putins soll sie als Warnung verstanden werden, dass Russland erneut den Feind besiegen wird.

2025 Foto: Deutschlandfunk
Die Parade am 9. Mai 2025 zeigt einmal mehr, wie wichtig Putin die Zurschaustellung militärischer Stärke ist.
Mit Stolz werden auch wieder die Symbole der Sowjetzeit gezeigt.

© Getty Images


Feierlichkeiten finden am „Tag des Sieges“ in ganz Moskau statt. Hier üben russische Studentinnen und Studenten, gekleidet in die Mode der 1950er und in sowjetischen Uniformen den „Siegeswalzer“ ein. Passend dazu gestaltet ist Hintergrund, in dem ein riesiges Modell des sowjetischen „Siegesordens“ zu sehen ist - die höchste militärische Auszeichnung, die die UdSSR zu vergeben hatte. © Alexander Zemlianichenko (dpa)
Schon Kinder und Jugendliche werden in Russland zunehmend militarisiert – an den Universitäten, in den Schulen, wo der wöchentliche Patriotismus-Unterricht zur Pflicht geworden ist, sogar in den Kindergärten. Russische Exilmedium berichteten über mehr als 20 Militärparaden mit Kindern in russischen Regionen im Vorfeld des 9. Mai. Kinder in Militäruniformen, mit Panzer- oder Matrosenmützen marschierten durch Stadien, Straßen und Plätze russischer Städte.

Russische Kinder auf der Kinderparade in Wladiwostok. Foto: Telegram / shestakovblog
In seiner Rede setzt Putin den Krieg gegen die Ukraine mit der Verteidigung der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland gleich. Auch deutet er den Sieg der Sowjetunion über Hitlers Armee zu einem russischen Sieg um. "Es ist unsere Pflicht, die Ehre der Kämpfer und Kommandeure der Roten Armee zu verteidigen", sagt Putin, "die große Leistung der Vertreter verschiedener Nationalitäten, die in die Weltgeschichte als russische Soldaten eingegangen sind."
Im Westen wird an den Zweiten Weltkrieg erinnert, um eine Wiederholung des Horrors zu verhindern. In Russland aber werden nicht nur die Maifeiertage genutzt, um bei Bedarf das Heldentum der Väter zu reaktivieren. Gefragt sind wieder Durchhaltevermögen, Opfer und Triumph. Der 9. Mai ist kein Tag mehr der Mahnung und des Gedenkens. Auch hunderttausende tote "russische" Soldaten im Ukraine Krieg sind es nicht. Sie sind die "neuen Helden" eines Russlands, das sich nach Putins Lesart in einer Opferrolle befindet und bedroht wird. Russland habe es schließlich als Sieger des Zweiten Weltkrieges verdient, eine Großmacht zu sein.
Quellen: Der „Tag des Sieges“ in der Sowjetunion -Inszenierung eines politischen Mythos -Magisterarbeit
von Lars Karl: EBERHARD-KARLS-UNIVERSITÄT-TÜBINGEN (März 1999), Wikipedia, vergleichende Analysen mit Unterstützung durch KI
siehe auch:
Kalenderblätter Tag der Republik, Gründung der UdSSR, Tag der Befreiung
Bearbeitungsstand: Januar 2026
